Dienstag, 10. Mai 2022

Und dann war da dieser Schnee - Bikepacking Teneriffa - Tag 6

 

Auch dies ist Teneriffa

Tag 6

Ich öffne das Innenzelt und uiuiui, was kommt da für eine Kälte reingeströmt. Über Nacht hat es richtig abgekühlt. Beim ersten Blick aus dem Zelt frage ich mich, ob ich da gerade eine Schneeflocke gesehen habe, doch den Gedanken verwerfe ich, kann ja nicht sein. Immerhin soviel steht fest, haben wir nichts von dem angekündigten heftigen Sturm abbekommen. Ich gehe etwas den Berg hoch,

denn von einem der letzten Aufenthalte hier erinnere ich mich noch, dass ich dort Handyempfang hatte. Ich schaue mir die Wettermeldung an und einzig für die Süd-West-Flanke ist ordentliches Teneriffawetter gemeldet. Somit steht fest, heute geht es einmal längs über den gesamten Bergrücken am Teide vorbei.




 

Wir fahren von unserem Zeltplatz zurück auf die Straße und Richtung Teide. Doch kaum haben wir die ersten Höhenmeter hinter uns und wechseln beim Umfahren des „Montana Grande“ und „Pico de las Flores“ die Bergflanke von Süd auf Nord, bekommen wir noch die Ausläufer des Sturmes ab. Starker Wind, immer wieder Regen von oben oder direkt in den Wolken Feuchtigkeit von allen Seiten und dies bei nun nur noch 7 Grad. Auf den Straßen sieht man, dass bereits ein Reinigungsfahrzeug Kiefernadeln, Äste und Bäume zur Seite geräumt hat. 


An uns fahren viele Fahrzeuge der Straßenbehörden, der Ranger, des Militärs und ein Schneepflug vorbei. Wir kommen auf knapp 1.450 Höhenmetern an unseren „gebuchten“ Übernachtungsplatz vorbei. Hier ist die Straße teilweise noch nicht ganz geräumt und man erkennt, dass der Wind hier richtig gewütet hat. Auf dem Parkplatz stehen einige Fahrzeuge und eine Frau kommt auf uns zu und erklärt uns, die Straße über den Berg rüber zum Nationalpark Teide sei komplett gesperrt. Wir bedanken uns für die Info, verdrehen die Augen und fahren weiter.


Es wird kälter, nässer und einfach nur bäh. Moni verliert langsam ihre gute Laune und zu meiner Überraschung ist am „Morro de Isarda“ auf knapp 1.700 Metern die Straße wirklich an der Kreuzung runter nach „Arafo“ gesperrt. Wir bekommen erklärt, die Straße sei geschlossen. Ich schaue den Mann an und versuche die spanischen Wörter richtig zu verstehen. Hat er wirklich gerade erklärt, die Straße ist wegen Schneemassen und Lawinengefahr gesperrt? Doch nach einigem Hin und Her, einer kleinen optischen Inspektion unserer Räder und einem klärenden Funkgespräch sowie einer kleinen Verhaltensaufforderung durften wir plötzlich als einzige die Sperrung passieren. 


 

Und bereits nach der ersten Kurve wollte ich meinen Augen nicht trauen, da lag Schnee am Wegesrand. Nach nur 200 Höhenmetern mehr, fuhren wir im Schneegraupel bei gefühlt eisigem Wind. War es sinnvoll hier in den Berg zu fahren? Ein Blick in Monis Gesicht verrät mir, für Madam ist es kein Spaß mehr. 

 

An der kleinen Straßenabzweigung zum Aussichtspunkt Chimague gibt es ein windstilles und sogar trockes und wolkenfreies Eck. Wir beschließen unseren Mägen auch mal wieder bissel Arbeit zu verpassen und siehe da, Moni kann auch wieder grinsen. 



 

Die Mahlzeit war auch nötig, denn schon kurz nach der Pause hängen wir richtig in den kalten feuchten Wolken mit eisig kaltem Wind. Bis auf unsere Schlafsacksachen haben wir alles an, was wir dabeihaben. Ich höre mich noch sagen beim Packen: „Was soll passieren? Temperaturen sind 18-23 Grad für Teneriffa gemeldet, pack nicht so viel dickes Zeug ein, wird schon nicht schneien!“. Doch nun schaut mich Moni verzweifelt an, kein Vorwurf kommt über ihre Lippen, aber ich erkenne, die Tränen stehen bereits Schlange hinter ihren Äugelein und sind zum Absprung bereit. Und selbst ich verstehe hier bei 4 Grad, diesem heftigen Wind und teils Schneegraupelregen auf 1.980 Höhenmetern ist es mal besser die Klappe zu halten. 






 

Doch wie so oft in solchen Rad-Situationen fange ich an meinen Lieblings-Fahrrad-Song von Max Raabe zu singen:

Fahrrad fahren
Wenn ich mit meinem Fahrrad fahr'
Ich tret' in die Pedale
Und brauch' keine Motoren

Moni steigt mit ein und wir schreien und krächzen laut den Song, denn wir sind ja alleine.


Fahrrad fahren
Nichts ist so schön wie Fahrrad fahren
Das ist das Ideale
Der Wind weht um die Ohren
Manchmal läuft im Leben alles glatt
vorausgesetzt, dass man ein Fahrrad hat
Dann fliegen die Gedanken…

Und ohne Vorwarnung fliegen nicht die Gedanken, sondern die Wolken auf und davon. 




 

Was uns nun geboten wird ist unglaublich schön und zu unserer noch größeren Freude, auch unglaublich warm. Wir genießen einen blauen Himmel, weiße Berge, absolute Windstille und unter uns brodelt das Wolkenmeer. Wir sind allein, wir genießen die Stille, die Schönheit, die Skulpturen, die der kleine Wintereinbruch gebracht hat und die leere Straße. 





 

Hin und wieder kommen mal kleine Schneebretter oder Eisbrocken irgendwo runtergerutscht, aber nichts was uns als Radfahrer auch nur annährend in Gefahr hätte bringen können. Insgesamt ein Erlebnis, was wir so schnell nicht vergessen werden. 









 

Wir sind schon fast etwas enttäuscht als wir feststellen, dass die Teide-Straße nicht gesperrt ist. Doch so sind bei Portillo Alto wenigstens die Restaurants auf und wir genießen erstmal einen Kaffee, einige Radler (alkfrei) und eine leckere Suppe. Was uns dabei absolut nicht bewusst ist, neben uns am Tisch sitzt absolute Radprominenz, Annemiek van Vleuten und Katrine Aalerud und ich habe sie nicht erkannt, umgh. 












 

Für uns geht es weiter über die Teidestraße und wir beschließen dabei, nicht vom Berg runter auf einen Campingplatz zu fahren, sondern den auf 2.100 Meter liegenden Platz „Las Lajas“ anzufahren für die Nacht. So halten wir am „Parador de Las Canads del Teide“, dem Hotel am Teide an, decken uns mit Getränken für die Nacht ein und fahren weiter Richtung Senke „Boca Tauce“. Leider kommen hier schon wieder die Wolken über die Straße geschwabbelt und wir tauchen ein in die Wolkenwelt. 









 

Es stehen nun erneute 200 Höhenmeter an und wir sind fix und fertig. Wir quälen uns jede weitere Kurbelumdrehung. Aber wie es so ist, Motivation kommt oft ungeplant, so verschwinden plötzlich die hohen Wolken wieder und 2 Rennradfahrer tauchen auf. Während Sie vorbeifahren, vernehmen wir nur Gesprächsfetzen, „…dass sind doch die 2 vom Radlblog…, harte Hunde sind die Beiden…“. Einer der Rennradfahrer dreht kurz um, gibt uns ein Daumenhoch und verschwindet wieder. Ja, so Kleinigkeiten helfen uns im Kopf, deswegen danke dafür. Weiter oben standen beide RR-Fahrer, leider waren wir zu dem Zeitpunkt schon so auf den Nachtplatz fokussiert, dass wir einfach vorbeigefahren sind, dafür sorry. 




 

Am Zeltplatz angekommen, setzten wieder Automatismen ein. Moni bereitet die Isomatten und Schlafsäcke vor, während ich das Zelt aufbaue. An einem der Wasserhähne „duschen“ wir mit dem Kochtopf und freuen uns aufs Essen. 




 

Nach dem Essen dürfen wir noch einen wunderschönen Sonnenuntergang erleben. In diesem Moment liegen wir uns in den Armen und genießen, vergessen für einen Moment fast alles andere.

63 km 2020 hm 1020 tm


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