Mittwoch, 4. Juli 2018

Heavy 24 Chemnitz, ganze Kerle, halbe Sache!

Lars und Sabo beim MT8 in Vorbereitung für`s Heavy24



Als ich diesen Bericht auf Facebook zum Heavy24 gelesen habe, habe ich sofort wieder die Nässe und Kälte des Events gespürt. Lars und Sabo sind als 2er Team gestartet und was sie erlebt, gefühlt und erlitten haben, könnt ihr hier als Gastbeitrag nachlesen. 

Heavy 24 Chemnitz Ganze Kerle, halbe Sache – Ein Bericht von Lars.

Über alles und jeden werden Statistiken geführt. Zum Beispiel, dass ein Mensch 1140 Anrufe pro Jahr macht. Oder dass sich eine Frau durchschnittlich 111 Handtaschen im Leben kauft. Angesichts der gegenwärtigen Bodenbeschaffenheit beim diesjährigen 24h MTB-Rennen in Chemnitz, frage ich mich gerade, ob es auch eine Statistik darüber gibt, wieviel Kubikmeter Waldboden der durchschnittliche Mountainbiker in seinem Leben verspeist? 



24h-Rennen genießen mittlerweile denselben Kultstatus unter laktatgeilen Ausdauerstrebern, wie die angesagten Festivals unter kuttentragenden Naturmattenträger. Nur dass der übermäßige Konsum von Grillgut und Bier ersetzt wird durch übermäßigen Konsum von geschmacksbankrotter Gel-Riegel-Zwecknahrung. Das Ergebnis am darauffolgenden Tag ist stets dasselbe. Ein Körpergefühl, wie verdroschen worden zu sein, Berge von Schmutzwäsche und dünner Stuhl. 

Als feste Institution aller laktatsüchtigen Geländeradfahrer, findet das Heavy 24 in Chemnitz als größte MTB-Veranstaltung im Osten der Republik mittlerweile zum 12. Mal statt. Und damit eine solche Veranstaltung auch aus wettertechnisch kachelmännischer Sicht ein Erfolg wird, findet dieses Event wie gewohnt um den Sommeranfang statt. 



Als um 12.00 Uhr der Startschuss ertönt, wird unterdessen seit Stunden schon Chemnitz vollgeregnet. Hat ja gut geklappt. 

In diesem Jahr haben sich Sabo und ich in einer Zweier-Konstellation zu diesem Ausdauerwahnsinn eingeschrieben. Wobei die viel größere Hürde, als das Ziel zu erreichen, ist, angesichts des unverhältnismäßig hohen Ansturms auf die Startplätze, überhaupt erst einmal die Startlinie zu erreichen. Gut zu wissen, dass Sabo durch seinen Vorjahrespodiumsplatz eine Startplatzgarantie besitzt. Somit bleiben uns die Verzweiflungsmomente des Anmeldekrimis erspart, bei dem im Minutentakt die Server des Anmeldeportals abrauchen und somit auch die Nervenkostüme aller Beteiligten. 

Der morgendliche Präparationswahnsinn vor einem Rennen ist wie immer derselbe. Startnummer am Lenker anzippen, Getränkeflaschen mit isotonischem Getränk füllen, das isotonische Getränk verkosten um das Mischungsverhältnis nach Sommeliermanier zu beurteilen, Klamotten zurechtlegen, Kleinkram wie Pannenset, CO2-Kartusche, Gel und Riegel im Trikot verstauen, ein anderes Trikot besser finden und alles wieder umpacken. 

Blick ins Teamzelt.


Der Startblock bei einem 24h-Rennen ist ein kunterbunter Haufen von Startern aller Leistungsklassen. Zum einen sind da die Leistungsstreber mit ihrer buntbedruckten und teilweise auch teilfinanzierten Oberbekleidung, Fahrer mit federwegpotenten Bergabfahrrädern, Fatbiker und fette Biker. Plötzlich regnet es Kleidungsstücke. Als der Moderator die verbleibende Zeit bis zum Start mit „nur noch zwei Minuten“ beziffert, entledigen sich alle ihrer nun als überflüssig gewordener zusätzlichen Klamotten und feuern ihre Armlinge und Windjacken einfach aus dem Startblock ihren Betreuern entgegen oder auch Unbeteiligten an den Kopf. „Drei, zwei, eins, Start“, ein Schuss, stakkatomäßiges Geklacker der Radschuhe beim Einklicken in die Pedale. Es geht los. 

Schultern und Ellenbogen rempeln aneinander. Meine Position in der ersten Reihe sichert mir ein schnelles Fortkommen aus dem bunten Knäul zu. Mein kurzer und brachialer Antritt katapultiert mich sofort an die dritte Position der Führungsgruppe. Doch nach zwei Minuten hängen meine Beine an mir herunter wie Fremdkörper. Mich durchzieht ein Gefühl, als wäre ich zehnmal mit 50 Sachen gegen eine Hauswand gefahren. Hellgrau und aus Rauputz natürlich. Heavy 24. Soziale Stellung bedeutet bei dieser Flucht aus dem Alltag absolut nichts. Alle sind gleich. Nur diejenigen, die gleicher sind, können über das Erreichen der Ziellinie anderer Rennteilnehmer durch ihre mit maximaler Kompetenzverweigerung ausgeprägten Fahrweise mitentscheiden. 

Penner, Scheiße, Hau ab und Hey rangieren ganz oben auf der Liste der aufs Minimum reduzierten Vokabelliste. Keiner für alle, jeder für sich. Ein 8er-Teamfahrer bedient sich der verbalen Lichthupe. „Platz, Platz, Platz“ schallt es lauthals von hinten, um Sabo im schmalsten Trail aus seiner Ideallinie zu befördern. Wer Sabo kennt, weiß, dass Sabo gerne später bremst, um länger schnell zu sein. Um diesen nicht ganz unriskanten Überholvorgang mit einer erzieherischen Maßnahme zu vergelten, korrigiert Sabo seine Leistungswerte kurzfristig deutlich nach oben und schließt zu diesem Rennraudi nochmals auf. Ein energisch platziertes „Plaaaaaatz“ von Sabo lehrt den Delinquenten nachhaltig in Demut. Der erneute Überholvorgang des 8er-Fahrers wird lehrbuchmäßig und kleinlaut mit „links vorbei, bitte“ angekündigt. Geht doch. 



Die Kluft zwischen den ganz langsam in der Ideallinie der Trails Herumlungernden und im Tiefflug herannahenden Schreihälsen wächst mit jeder fortschreitenden Stunde des Rennverlaufes. Und ich irgendwo dazwischen. Mir gehen diesmal Angeschriene und Anschreier gleichermaßen auf den Sack. Der Stresspegel ist ohnehin schon hoch, die Temperatur im Wald deutlich zu niedrig. Der Himmel öffnet seine Schleusen erneut und kotzt sich nasskalt über Chemnitz aus. Die schon fast abgetrocknete Strecke eignet sich nun eher für den kultivierten Reisanbau, denn als Mountainbike-Strecke. Es ergibt sich fast schon ein groteskes Bild. 

Hightech-Bikes, die gewichtsmäßig beinahe die Grenze zur Schwerelosigkeit unterschreiten, sind durch den am Bike klebenden Modder so schwer wie ein Wohnzimmerschrank Gelsenkirchener Barock in Eiche rustikal. Um einen Schuldigen zu finden, wird die Strecke bei jeder Runde von mir aufs unflätigste beschimpft. Andere zerren an ihren mittlerweile gefühlt tonnenschweren Bikes herum, wie die schottische Nationalmannschaft beim Tauziehen bei den Highland-Games. Als ich dann noch von einem 8er-Teamfahrer, der die Statur des dünneren Dicken der Wildecker Herzbuben hatte, im Anstieg einkassiert werde, ist es zu wahr, um schön zu sein. 

Das Teamzelt, ein fast trockener Ort.


Ich fühle mich irgendwie, wie am Ende der Wirklichkeit. Der einzige Lichtblick ist die fürsorgliche Betreuung unser beiden Rennbegleiterinnen Gaby und Jenny. Mit einem Lächeln im Gesicht in der Wechselzone und einem heißen Tee im Zelt warten sie routiniert nach unseren jeweils für gewöhnlich zwei Runden dauernden Einsätzen. Ansteckend auf jeden Fall auch Sabos gute Laune bei den Wechseln. Zwei, drei kurze Wortfetzen, das Nötigste ist gesagt. Ohne Haupt- und Nebensätze. Läuft. 

Ausführlichere Konversation wird via im Zelt hinterlegten Netbook betrieben, gerade Erlebtes haarklein widergegeben. Als nach ungefähr 10 Stunden des Rennens Sabo ohne seine übliche Radsportbekleidung in der Wechselzone auftaucht, fühle ich so etwas wie Erleichterung in mir. Nicht unbedingt, weil ich dies als Zeichen zur Beendigung des Rennens für uns deute. Viel mehr, weil mir diese Entscheidung nun von Sabo abgenommen wurde und nicht von meinem Körper, der schon seit Stunden im Havariemodus herumsiecht. Was ist noch normal, was ist unnormal? 

Eine schöne Normalität.


Das letzte halbe Jahr haben Sabo und ich damit verbracht, den Körper auf die diesjährige Härteprüfung beim Heavy 24 vorzubereiten. Wir haben Einheiten mit bis 5 zu Stunden Dauer im Winter auf der Trainingsrolle absolviert, uns mit Bergintervallen geknechtet, teilweise asketisch gelebt, Pulverkonzentrate und Gels konsumiert. Ist das normal? 

Oder ist es normal, am Wochenende in diesen überfüllten Einkaufsbunkern die Zeit totzuschlagen, sich mit allerlei ungesundem Kram und Cola vollzustopfen, um danach die neueste Bild-der-Frau-Diät geil zu finden und alles wieder auszukotzen? Meine eigene „Normalität“ gefällt mir eigentlich recht gut. Ich habe keinen Bock darauf, Opfer der Zeitzertrümmerungsindustrie zu werden, um schon am Nachmittag mit irgendwelchen Insolvenzen sogenannter C-Promis im Fernsehen belästigt zu werden. Zumal ich mit Sabo einen Trainingspartner habe, der die Messlatte recht hoch ansetzt und auch niemals locker lässt. 

Der nächste Morgen nach dem Rennen bringt das Gefühl von Ernüchterung, das Rennen, und somit den Saisonhöhepunkt, abgebrochen zu haben, aber auch das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Meine eigene Statistik spricht jedenfalls dafür, dass der kommende Wettkampf ein Erfolg wird. Ich jedenfalls bin übermäßig froh darüber, dass dies die letzte Teilnahme am Heavy 24 in Chemnitz war. 

Dann kann ich endlich im nächsten Jahr zum allerletzten Mal daran teilnehmen.

Dann bis 2019...

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